In einer Tierarztpraxis zu übernachten ist ein bisschen so, als würde man in einer Wohngemeinschaft mit sehr seltsamen Nachbarn leben.
Man bekommt gesagt: “Die Nachtschicht wird ruhig.” In Wirklichkeit bekommt ein Kater um zwei Uhr morgens eine Lebenskrise, ein anderer überlegt, ob Verbandmaterial essbar ist, und ein dritter kippt seine Toilette um und sieht dich an, als hättest du seine Existenz zerstört.
In dieser Nacht waren nur wir zwei in der Praxis: ich und die Katzenstation.
Die Assistentin war krank, Ersatz gab es nicht, und Infusionen kontrollieren sich bekanntlich nicht selbst. Also fiel die Rolle des verantwortlichen Erwachsenen auf mich, obwohl ich gegen ein Uhr nachts selbst nicht mehr ganz überzeugt davon war.
Eine Praxis bei Nacht ist eine andere Welt.
Tagsüber ist alles laut: Türen schlagen, Menschen diskutieren am Empfang, Kinder streicheln Welpen, jemand fragt, ob man wirklich Arzt sei, weil man “zu jung” aussehe. Nachts bleiben nur gedämpftes Licht, ein leerer Flur, der Geruch von Desinfektionsmittel und ein Kaffeeautomat, der brummt wie ein alter Kühlschrank.
Auf der Station waren sechs Katzen. Jede mit eigenem Charakter und eigener Diagnose.
Die schildpattfarbene Marquise war nach einer Operation da und sah uns alle an, als wäre sie eigentlich in einem Wellnesshotel und mit dem Service äußerst unzufrieden.
Der rote Kater Fritzi hatte Harnwegsprobleme, nahm das Leben aber leicht: essen, schlafen, aufwachen, schreien, weil Aufmerksamkeit fehlt.
Der schwarze Jungkater Porsche war ein Fundtier und hatte so viel Energie, dass er eher ein kleiner Motor als eine Katze war.
Die anderen drei waren ruhige Wohnungskatzen mit weichen Kragen und Akten, in denen stand: “Besitzerin sehr besorgt.” Es gibt eine Regel: Je besorgter der Mensch, desto philosophischer nimmt die Katze alles hin.
Gegen elf machte ich meine Runde. Ich kontrollierte Infusionen, wechselte Unterlagen, hörte mir ein paar empörte Miaus an, machte Kaffee und setzte mich an den Platz der Nachtwache.
Um ein Uhr schlief Fritzi friedlich und bewegte die Pfoten, als würde er im Traum endlich den roten Laserpunkt fangen. Marquise sah mich an, als warte sie auf Champagner. Porsche kämpfte mit seiner Wasserschale.
Gegen halb zwei saß ich mit dem Laptop im Ärztezimmer. Ich versuchte, Nachrichten zu beantworten, aber mein Gehirn arbeitete nur noch im Energiesparmodus.
Die Stille war dicht.
Und genau um zwei Uhr brach sie.
Nicht durch ein Geräusch.
Durch einen Blick.
Ich hob den Blick zum Monitor der Kamera auf der Katzenstation und erstarrte.
Alle sechs Katzen, die eben noch mit ihren wichtigen Katzendingen beschäftigt gewesen waren, standen plötzlich still.
Dann drehten sie gleichzeitig die Köpfe in dieselbe Richtung.
Nicht zur Tür. Nicht zu den Näpfen. Nicht zu mir.
Sie starrten in die Ecke des Raumes, wo an der Wand ein quadratisches Lüftungsgitter hing. Dahinter sollte nur eine Wand sein, und hinter dieser Wand laut Bauplan ein kleines Nachbarbüro, das seit Monaten leer stand.
Dann stand Marquise langsam auf und fauchte das Lüftungsgitter an.
Und im selben Moment klopfte etwas leise von der anderen Seite gegen die Wand.
Ich bin kein abergläubischer Mensch. In meinem Beruf wäre das auch unpraktisch. Katzen starren ständig irgendwohin, als würden sie gerade mit einer unsichtbaren Verwaltung verhandeln.
Aber das war anders.
Ich ging zur Station.
Die Katzen bewegten sich nicht. Fritzi schwieg. Porsche hatte sich ganz nach hinten gedrückt. Marquise stand steif vor dem Lüftungsgitter und fauchte.
— Ist da jemand? fragte ich.
Keine Antwort.
Dann ein Kratzen. Metall auf Metall.
Ich nahm mein Handy und rief die Polizei.
— Sie hören Geräusche aus einem Nachbarbüro? fragte die Leitstelle.
— Ja. Es sollte leer sein.
— Haben Sie jemanden gesehen?
Ich sah zu den Katzen.
— Nein. Aber die Katzen schon. Oder sie haben ihn gehört.
Eine kurze Pause.
— Die Katzen?
— Sechs Stück. Alle gleichzeitig. Ich weiß, wie das klingt.
Die Streife kam schneller, als ich erwartet hatte. Zuerst sahen die Beamten aus, als rechneten sie mit einem losen Rohr und einem übermüdeten Tierarzt. Dann fauchte Marquise erneut, und hinter dem Gitter hörte man klar eine gedämpfte Stimme:
— Still.
Danach lachte niemand mehr.
Die Tür zum Nachbarbüro war abgeschlossen, aber das Schloss beschädigt. Von innen blockierte ein Schrank den Eingang. Als die Beamten hineinkamen, fanden sie hinter dem Möbel einen Mann in dunkler Jacke neben einer technischen Klappe.
Bei ihm lagen Handschuhe, Taschenlampe, Schraubendreher und eine Werkzeugtasche.
Er war durch ein kleines Fenster vom Hof eingestiegen. Offenbar wollte er durch den technischen Zwischenraum in die Praxis gelangen. Vielleicht wegen Bargeld. Vielleicht wegen Geräten oder Medikamenten. Er dachte, nachts sei niemand da.
Er hatte nicht mit sechs Katzen gerechnet.
Als die Polizei ihn abführte, saß Marquise aufrecht in ihrer Box, als hätte sie persönlich den Einsatz geleitet. Fritzi forderte endlich Frühstück. Porsche wagte sich wieder an die Wasserschale.
Ein Beamter nickte zu Marquise.
— Gute Alarmanlage.
— Die beste, sagte ich. — Nur etwas anspruchsvoll beim Futter.
Ich schlief bis zum Morgen nicht mehr. Ich saß an der Station, trank Kaffee und sah immer wieder zum Lüftungsgitter.
Es war wieder nur ein weißes Quadrat an der Wand.
Aber für mich war es nicht mehr dasselbe.
Seit dieser Nacht lächle ich nicht mehr, wenn jemand sagt: “Meine Katze spürt etwas.”
Vielleicht sehen Katzen keine Geister.
Vielleicht hören sie nur früher, was wir zu spät ernst nehmen.
Und manchmal reicht genau das, damit eine ruhige Nachtschicht nicht ganz anders endet.
