Der Umschlag auf dem Küchentisch

Der Anruf kam an einem Dienstagabend, als ich gerade die Nudeln abgoss. „Ich habe die Ziege verkauft. Für sechshundertzwanzig Euro. Die Hühner gebe ich morgen ab. Dann bin ich bei euch.“ Meine Mutter, Brigitte, sagte das so beiläufig, als hätte sie den Pfannkuchen gewendet.

Ich hielt den Topf mit beiden Händen fest, weil mir das Wasser über die Finger lief. „Mama, du kannst hier nicht einziehen. Wir haben zwei Zimmer. Zwei. Für vier Leute.“

„Dann schlaf ich eben in der Küche. Ist mir egal. Ich mache das nicht mehr. Drei Jahre ohne deinen Vater, jeder Morgen im Dunkeln raus in den Stall, im Herbst die Blätter, im Frühjahr der Garten. Ich bin fünfundsechzig. Ich will auch mal in der Nähe von einem Supermarkt wohnen, der länger als bis sechs aufhat.“

Markus stand in der Tür, das Handtuch über der Schulter. Er sagte nichts. Er musste auch nichts sagen. Wir hatten diese Diskussion schon fünfmal geführt. Meine Mutter lebte allein auf einem Hof bei Grimma, eine knappe Stunde von unserer Wohnung in Leipzig-Connewitz entfernt. Wir halfen, so oft es ging. Aber sie wollte jetzt alles aufgeben, einfach so, und sich in unser Leben schieben wie ein Koffer, der nirgendwo hineinpasst.

Ich versuchte es an dem Abend noch mit Vernunft. „Du hast doch Frau Berger nebenan. Die ist dreiundsiebzig, bewirtschaftet ihren halben Hektar allein und fährt jeden Sonntag mit dem Rad zur Kirche. Die jammert nicht.“

„Dann soll Frau Berger doch zu euch ziehen, wenn sie so toll ist! Ich packe meine Sachen.“

Und dann legte sie auf.

In den Tagen danach rief sie jeden Nachmittag an, meistens um kurz nach vier, wenn ich vom Dienst in der Apotheke nach Hause kam. Immer dieselbe Leier: Die Ziege sei weg, die Hühner auch, der Garten werde nicht mehr bestellt, die Möbel wolle sie nicht mitnehmen, nur das Bett und die Kommode vom Flur. Ich stand dann am Fenster, sah auf die Straßenbahnlinie 16, die an der Haltestelle vorbeiquietschte, und hörte zu, wie meine Mutter ihr Leben abwickelte. Als wäre es ein Nachlass.

Markus sagte, ich solle hart bleiben. „Wenn du nachgibst, sitzt sie in drei Wochen in unserem Wohnzimmer und guckt den ganzen Tag RTLup. Dann ist die Ehe dran. Glaub mir, ich kenn das von meinem Onkel. Der hat seine Schwiegermutter mit reingenommen, nach zwei Jahren war die Scheidung durch. Und die Frau war erst siebenundsechzig.“

Ich nickte nicht. Ich wusch das Geschirr und dachte an das Einzige, was ich tun konnte, ohne dass alles zerbricht: Ich musste ihr eine eigene Tür geben. Nicht meine.

Am Freitagmorgen fuhr ich nach Grimma. Im Auto lag ein dicker brauner Umschlag auf dem Beifahrersitz. Ich hatte ihn am Abend zuvor bei der Sparkasse und beim Wohnungsverein abgeholt. Der Himmel über der Mulde war grau, als hätte jemand einen nassen Lappen über das Dorf gelegt. Vor dem Hoftor stand ein Schild: „Zu verkaufen“. Meine Mutter hatte es mit rotem Filzstift geschrieben, das „e“ in „verkaufen“ war doppelt so groß wie die anderen Buchstaben.

Ich stellte den Motor ab. Im Hof roch es nach kaltem Rauch und altem Stroh. Die Hühnerstalltür schlug im Wind auf und zu. Auf der Bank vor dem Haus saß Brigitte, einen gepackten Koffer neben sich, die Hände im Schoß, als warte sie auf den Bus.

Sie sah mich kommen und stand auf. „Ich hab dir gesagt, du brauchst nicht mehr zu helfen. Ich bin fertig.“

„Ich bin nicht zum Helfen gekommen.“

Ich legte den Umschlag auf die Bank, zwischen uns. Er war schwer von den Papieren. Meine Mutter starrte auf das Ding, als könnte es beißen.

„Was ist das?“

„Deine neue Wohnung. In Leipzig-Plagwitz. Ein Zimmer, Kochnische, Bad. Achtunddreißig Quadratmeter. Der Mietvertrag beginnt am ersten. Ich habe die Kaution überwiesen und die Miete für September und Oktober. Vierhundertzwanzig Euro im Monat. Die Kaution waren achthundertvierzig. Das Geld stammt von der Ziege und den Hühnern. Den Rest habe ich auf ein Konto auf deinen Namen gelegt. Du wohnst fünfzehn Minuten mit der Straßenbahn von uns entfernt. Aber du wohnst nicht bei uns. Das war nie eine Option.“

Brigitte rührte den Umschlag nicht an. „Du hast meine Tiere zu Geld gemacht?“

„Du hast sie verkauft. Ich habe das Geld genommen, weil du sonst in drei Wochen auf der Straße sitzt, wenn du merkst, dass in unserer Küche kein Platz für ein Bett ist. Ich habe dir eine Wohnung organisiert, einen Mietvertrag, eine Bankverbindung. Was du daraus machst, ist deine Sache. Aber unsere Zweizimmerwohnung bleibt unsere Zweizimmerwohnung. Da wohnen Markus, die Kinder und ich. Nicht mehr.“

Ihre Lippen wurden schmal wie ein Briefschlitz. „Ich wollte zu euch. Ich wollte bei meiner Familie sein. Nicht in irgendeiner Einzimmerbude am anderen Ende der Stadt.“

„Dann hättest du früher fragen sollen. Bevor du die Ziege verkaufst. Bevor du das Schild an den Zaun hängst. Du hast nie gefragt, ob es geht. Du hast nur gesagt, dass es so kommt. Und jetzt ist es so gekommen: Du hast eine eigene Wohnung. Ich habe den Vertrag unterschrieben, die Kaution bezahlt, die Schlüssel liegen da drin. Der Rest ist deine Entscheidung.“

Sie nahm den Umschlag. Ihre Finger zitterten ein bisschen, aber sie öffnete ihn nicht sofort. Sie drehte ihn um, als stünde der Name des Absenders falsch herum darauf. Dann riss sie die Lasche auf. Der Wohnungsschlüssel fiel ihr in die Hand, ein silbernes Ding mit blauem Plastikanhänger, auf dem „Wohnungsgenossenschaft Leipzig West“ stand.

„Vierhundertzwanzig Euro?“ Sie las den Mietvertrag, Zeile für Zeile. „Das ist mehr als die Hälfte meiner Rente.“

„Deshalb habe ich dir die ersten zwei Monate bezahlt. Ab November musst du selbst überweisen. Wenn du nicht willst, kannst du den Vertrag widerrufen. Bis zum vierzehnten. Dann bleibt dir der Hof. Ich fahre dich zurück, und du pflanzt im Frühjahr wieder Kartoffeln. Aber bei uns schläfst du trotzdem nicht auf dem Küchenfußboden. Das ist vorbei.“

Sie setzte sich wieder auf die Bank. Der Wind fuhr in die Blätter der Linde über uns. Ich setzte mich nicht. Ich stand einfach da, die Autoschlüssel in der Jackentasche, und wartete. Nicht auf ein Ja. Nicht auf ein Nein. Nur auf eine Entscheidung, die von ihr kam, nicht von mir.

Nach einer Weile sagte sie: „Der Hof war deinem Vater sein Ein und Alles. Und ich hab ihn dafür gehasst, dass er mich hier festgehalten hat. Jetzt willst du mich woanders festhalten. Nur eben allein.“

„Ich will dich nirgends festhalten. Ich will, dass du lebst. Aber nicht in meinem Wohnzimmer. Das ist ein Unterschied.“

Sie schloss den Umschlag wieder, steckte den Schlüssel in ihre Manteltasche. Dann nahm sie den Koffer und ging ins Haus. Ich blieb im Hof stehen, bis sie wieder rauskam. Diesmal trug sie eine kleine grüne Reisetasche und den braunen Umschlag unterm Arm.

„Fahr mich zu der Wohnung. Ich will sie mir ansehen. Aber wenn die Dusche tropft, ruf ich sofort die Genossenschaft an. Nicht dich.“

Ich musste lachen, aber ich verkniff es. „Abgemacht.“

Auf der Fahrt nach Leipzig sagte sie nichts. Sie schaute aus dem Fenster, die Stirn an der Scheibe, als hätte sie die Autobahn noch nie gesehen. Ich legte Musik auf, leise, einen alten Reuter-Song. Sie sang nicht mit. Aber als wir an der Abfahrt Leipzig-Süd vorbeifuhren, fragte sie: „Hat die Wohnung einen Balkon?“

„Nein. Aber ein Fenster nach Westen. Da geht abends die Sonne unter.“

„Gut“, sagte sie. „Dann kann ich wenigstens beim Abendbrot was sehen.“

Ich setzte den Blinker und fuhr vom Stadtring ab in Richtung Plagwitz. Der Umschlag lag auf ihrem Schoß, der Schlüssel steckte in ihrer Manteltasche, und ich wusste, dass sie ihn nicht mehr hergeben würde. Und ich wusste auch, dass ich zum ersten Mal seit drei Jahren wieder durchatmen konnte, ohne dass mir jemand ein schlechtes Gewissen machte.

Später, als wir vor dem Haus in der Karl-Heine-Straße standen und sie den Schlüssel ins Schloss schob, drehte sie sich noch einmal zu mir um. „Du hättest mich auch einfach reinlassen können. Ein paar Wochen.“

„Ja“, sagte ich. „Aber dann wärst du nie wieder gegangen. Und ich hätte dich jeden Tag eine Stunde lang angelogen, wenn ich gesagt hätte, es sei schön so. So kann ich dich besuchen. Und du hast deine Ruhe. Und wir gehen zusammen ins Café. Das ist mehr, als wir auf dreißig Quadratmetern jemals gehabt hätten.“

Sie drückte die Tür auf. Ein warmer Geruch nach frischer Farbe und Bohnerwachs kam uns entgegen. Ich trat nicht ein. Ich blieb auf dem Flur stehen, den Fuß in der Tür, und sah zu, wie meine Mutter ihre Reisetasche in die Kochnische stellte, den Umschlag auf den kleinen Tisch legte und das Fenster zum Hof hin aufriss. Dann drehte sie sich um und sagte: „Wir können ja am Sonntag mal zusammen zu Netto fahren. Ich brauche einen Duschvorhang.“

Ich nickte. Und dann zog ich die Tür hinter mir zu, aber leise, als hätte ich nur kurz nach dem Rechten gesehen. Draußen war die Straßenbahn 14 gerade vorbeigefahren. Sie quietschte in der Kurve, und ich dachte: Jetzt hat sie ihre eigene Haltestelle. Und ich meine. Getrennt. Aber in derselben Stadt. Und das war genug.

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Fajna Tajna
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